tina doerwald 2017

Marion hatte eine rauschende Party besucht und blinzelte in die Morgensonne. Ihr Bett stand vor dem Fenster, es würde ein sonniger Septembermorgen werden.
Sie stand noch ganz unter dem Einfluss der Eindrücke, die sie gestern gewonnen hatte.
Eine große, ach was eine sehr große Firma hatte ihr einen gut bezahlten Arbeitsplatz angeboten und sie hatte, ohne lange zu zögern unterschrieben. Es waren ungefähr 30 Leute erschienen, gut gekleidet, sehr darauf bedacht den besten Eindruck zu hinterlassen. Sie standen smaltalkend in kleinen Grüppchen oder an nett gedeckten Tischen Fingerfood essend zusammen und wurden vom neuen Chef persönlich durch die leeren Großraumbüros geführt.
Marion bekam einen Schreibtisch in der Nähe des Fensters, gerade so platziert, dass die Sonne nicht blenden würde. Wie sie sich erinnerte gab es einen Sonnenschutz vor dem Fenster, vermutlich elektronisch geregelt.
Ihr Platz war mit einem größeren Schreibtisch und einem sehr modernen PC ausgestattet, ebenso mit Anschlüssen für ein Telefon und ein Tablet. Beides noch nicht da, doch der Chef hatte erklärt, dass am Wochenende die fehlenden Geräte aufgebaut würden, sodass jeder/jede der neuen Mitarbeiter am Montag sofort an die Arbeit gehen könnte.
Marion freute sich auf die Herausforderung und auf die neuen Kollegen, sie hatte sogleich Anschluss gefunden und sich mit einigen bekannt gemacht.
Holger erwachte und streckte seine Hand unter der Bettdecke hervor um sie zu streicheln. Sie kuschelte sich kurz an ihn und sprang aus dem Bett. Nachdem Marion geduscht hatte, bereitete sie das Frühstück und einen Picknickkorb vor.
Sie wollte mit Holger den letzten freien Sonntag vor dem Neustart mit einem Ausflug in die Heide genießen.
Montagfrüh brachte Holger sie zur Arbeit und begleitete sie zu ihrem Büro.
„Guten Morgen Frau Schönberg, mein Name ist Rathemow und ich bin für die nächsten 6 Jahre Ihre direkte Vorgesetzte und Ansprechpartnerin. Bitte gehen Sie in den Auskleideraum und legen ihre Kleider in den ihren Schrank. Augenblick – Sie haben die Nummer 19.“
Verwirrt blickte Marion die Dame an.
„Wieso ausziehen? Gibt es hier Arbeitskleidung? Davon habe ich gar nichts mitbekommen!“
„Arbeitskleidung? Sie arbeiten nackt! Was glauben Sie, warum Sie so fürstlich bezahlt werden? Vielleicht hätten Sie ihren Vertag genauer durchlesen sollen.“
Holger brachte keinen Ton hervor und Marion klammerte sich an seinen Arm.
„Holger, das ist ein furchtbarer Irrtum – ich werde hier nicht nackt arbeiten!
Bitte nimm mich mit nach Hause!“
Marion begann zu weinen. Holger legte schützend den Arm um sie.
„Was bilden Sie sich ein? Nacktarbeit? Was sagt denn die Gewerkschaft dazu?“
„Die Gewerkschaft hat das mit der Auflage, dass niemand angefasst werden darf, genehmigt. Übrigens haben Sie mit Ihrer Unterschrift bestätigt, dass Sie über unsere Firma absolutes Stillschweigen bewahren. Sie haben sich für mindestens 4, bestenfalls für 6 Jahre verspflichtet. Wollten Sie uns früher verlassen, wird im ersten Jahr eine Konventionalstrafe von 100.000,- € fällig und zwar zum letzten Arbeitstag.“
Marion hatte das Gefühl ohnmächtig zu werden. Der Boden sackte unter ihren Füßen weg und sie weinte hemmungslos. Sie fühlte sich in ihre Kindheit versetzt, erster Schultag war genauso schlimm. Da half auch niemand dem kleinen Mädchen.
„Holger hilf mir“, bettelte sie.
Holger streichelte ihre Wangen und zog sie fest an sich.
Doch dann schob er sie ein Stück von sich weg und sagte:
„Marion, Du hast diesen Vertrag unterschrieben, Du hättest ihn sorgfältig lesen müssen und dann abwägen sollen. Offensichtlich hast Du das nicht getan…“
Holger schüttelte den Kopf.
„Da musst Du jetzt durch. Wir brauchen jeden Cent. Stell Dich nicht so an, Du bist attraktiv und siehst gut aus. Lass die doch gucken. Ich guck ja auch gerne!“
Marion weinte und schluchzte zum Herzerweichen. Doch Holger blieb hart.
„Geh jetzt mein Schatz. Je eher Du Dich daran gewöhnst, desto eher hast Du kein Problem mehr damit. Und“, fügte er hinzu, „denk an das Geld. Das wird Dir die Arbeit erleichtern.“
Marion war wie betäubt.
Da kam eine weitere Frau um die Ecke und führte Marion am Arm in den Auskleideraum.
„Sie werden sich damit arrangieren. Die ersten Tage sind gewöhnungsbedürftig. Aber, Frau Schönberg, Sie haben einen tollen Körper, Sie sind gut trainiert und nicht dick. Wir achten bei der Einstellung auch darauf. Manchmal müssen wir auch nicht so ansehnliche Menschen einstellen, dann sehen unsere Vorgesetzten natürlich lieber auf die hübschen. Man ist ja Ästhet.“
Sie lächelte freundlich.
„Und nun beeilen Sie sich. Ihre Zeit läuft. Alles was Sie später anfangen, müssen Sie nacharbeiten und glauben Sie mir, es ist nicht angenehm alleine den Blicken der Vorgesetzten ausgeliefert zu sein.“

©Tina Doerwald 2016

Tina Doerwald 2016

                     
„Wo soll ich denn hin?“
Pause.
Im Stillen zähle ich: Eins, zwei, drei, vier.
„Wo soll ich denn hin?“
Pause
Fünf, sechs sieben acht.
„Wo soll ich denn hin?“
Mutter sitzt auf ihrem Sessel im Wohnzimmer und ruft so laut, dass sich eine nahende Heiserkeit bereits andeutet.
„Wo soll ich denn hin?“
Mir fällt gleich mein rechtes Ohr ab.
Ich war vor genau einer Minute im Wohnzimmer und habe sie gefragt, wo sie denn gerne hin möchte:
„Ich - wo soll ich denn hin? Ich sitze doch hier in meinem Sessel.“
„Na dann ist ja alles in Ordnung.“
Ich bin in der Küche und bereite das Mittagessen vor. Natascha, unsere 24Std-Fachpflegekraft hat heute frei und ich kümmere mich um meine Mutter.
„Wo soll ich denn hin?“
Ich drehe den Wasserhahn zu und laufe wieder zu ihr. Sie sitzt auf der vorderen Kante des Sessels und blickt mich erwartungsvoll an.
„Komm doch mit in die Küche.“
„Nein. Ich will nicht.“
„Na dann bleib im Wohnzimmer sitzen, ich mache Mittagessen.“
„Fein, was gibt es denn?“
„Es gibt Senfeier mit Kartoffelbrei.“
„Mmh lecker.“
Ich begebe mich wieder in die Küche und schäle weiter.
„Was gibt es zu essen? Ich habe Hunger.“
Die Stimme aus dem Wohnzimmer: Ich zähle für mich.
Eins, zwei, drei, vier.
„Ich habe Hunger.“
Ihre Stimme hat etwas sehr Forderndes.
„Es gibt gleich was zu essen!“
Ich bemühe mich um einen angemessenen Tonfall.
 „Ich habe Hunger!“
Mit Nachdruck und noch lauter.
„Ich habe Hunger!“
„Mutter ich mache gerade Kartoffelbrei.“
„Kenne ich nicht, ich habe Hunger!“
Also wieder ins Wohnzimmer.
„Mutter du kennst Kartoffelbrei – du kannst auch Kartoffelpüree sagen. Das kennst du.“
„Ja, dann ist gut. Kartoffelpü, sag' das doch gleich.“
„Möchtest du nicht doch in die Küche kommen?“
„Nein, mein Sessel ist so bequem.“
Eine weitere Kartoffel ist geschält, kleingeschnitten und liegt im Topf.
„Ich habe Hunger.“
„Es gibt gleich was zu essen!“
Ich beginne erneut zu zählen. Das soll ja helfen! Eins, zwei, drei, vier.
„Ich habe Hunger!“
„Mutter komm her. Dann kannst du zugucken und siehst wann das Essen fertig ist.“
„Was gibt es denn zu essen?“
„Senfeier.“
„Was ist das?“
Die Stimme ist laut und schrill.
Gekochte Eier mit Senfsoße und Kartoffelpü.“
„Was ist das?“
„Mutter komm her.“
„Was hast du gesagt?“
Ah, jetzt ist ihr eingefallen, dass sie auf dem rechten Ohr taub ist.
„Mutter komm her, sonst kann ich das Essen nicht fertig machen. Setz dich zu mir in die Küche.“
„Ich kann dich nicht verstehen. Was hast du gesagt?“
Ich hole ihren Rollator unter der Treppe hervor und schiebe ihn zu ihr.
„Hier, nimm den Rollator und komm mit. Aufstehen, zum Flur gucken und in die Küche kommen.“
„Ich will aber im Sessel sitzen.“
„Ist gut.“
Da sich das Essen nicht alleine kocht, verschwinde ich aus ihrem Blickfeld.
„Wo bist du denn?“
„Hier in der Küche.“
„Was machst du denn?“
„Ich schäle Kartoffeln.“
„Fein, ich habe ja auch Hunger!“
„Das habe ich gehört.“
Mal sehen, wie lange sie diesmal braucht, um mir kundzutun, dass sie Hunger hat. Eins, zwei, drei, vier…
„Ich habe Hunger. Gibt es denn heute was zu essen? Wer ist denn hier? Ist jemand hier?“
„Ja, Mutter, ich bin hier und koche Eier.“
„Was kochst du?“
Ich gehe abermals ins Wohnzimmer und zeige ihr ein Ei.
„Mutter, was ist das?“
„Ein Ei. Frag doch nicht immer so dummes Zeug! Bloß weil ich über 80 bin, bin ich ja nicht blöd. Was gibt es zu essen? Ich habe Hunger.“

© Tina Doerwald 2014

Tina Doerwald 2013

Auf Seite 15 unten stand ein kleiner Artikel in der Tageszeitung, der Christine sofort fesselte:
'Auf der letzten Abgeordnetenversammlung am 25. März wurde beschlossen, dass alle Berliner Senatoren und Senatorinnen sowie der Regierende Bürgermeister, ab sofort den Bezug zur Bevölkerung herstellen müssen und mindestens 1 Woche hautnah die Realität am eigenen Leibe erfahren sollen.
Verweigern sie diesen Dienst oder werden sie beim Schummeln erwischt, drohen Geldstrafen, im schlimmsten Fall der Rücktritt aus dem Amt. Vorschläge werden ab sofort unter www.berlin.de/realitaet angenommen. Aus allen Vorschlägen werden die besten ausgewählt und dann, nach Abwägung aller Risiken, zur Abstimmung gegeben. Weitere Einzelheiten folgen in Kürze.'
„Das ist ja toll“
Christine griff zum Smartphone und rief ihren Mann an.
„Hast du schon die Zeitung gelesen? Auf Seite 15 unten steht ein sehr interessanter Artikel!“
Andreas überflog die Zeilen.
„Und?“
„Ich werde unseren Bürgermeister einladen."
„Das ist doch bestimmt eine klassische Zeitungsente.“
„Ich probiere es trotzdem.“
Die Resonanz auf diesen kleinen Artikel war überwältigend. Die Server brachen unter der Flut der Angebote zusammen. Praktisch jeder Berliner und auch viele Brandenburger wollten die Senatoren einladen.
Alle denkbaren Probleme wurden publiziert. Die Zeitungen kannten nur noch ein Thema.
Die internationalen Medien schlachteten den Beschluss gebührend aus und Politiker aus aller Welt zeigten sich interessiert.
Es lagen Angebote von Lehrern und Schülern vor, in völlig maroden Schulen die Woche zu verbringen und jeden Tag mindestens einmal das Schulklo zu besuchen, eine Reinigungsfirma bot einen Arbeitsplatz an, Kitas boten Praktika. Justizangestellte luden nach Tegel in den Knast, Angestellte von Discountern luden zum Regalefüllen und Kontrolleure bei Bus und Bahn erzählten von ihren aufregendem Leben. Auch eine Recyclingfirma wollte einen Praktikanten, eine Praktikantin einstellen.
Mütter aus Frohnau, Pankow und Dahlem boten ihren Kinderstress an: Haushalt, Arbeit, Yoga und 6 Tage die Woche die Kinder zum Tennis, Chor, Klavierunterricht, Ballett, Fußball und zur Nachhilfe bringen.
Mittendrin die Einladung von Christine.
Die einladenden Berliner mussten aufwendiges Prozedere ertragen. Vordergründig waren Sicherheitsprobleme das Thema, aber hinter vorgehaltener Hand und ohne Kamera, berichteten die  Staatssekretäre der Senatoren, dass sie eigentlich keine Lust hätten, sich auf die Realität einzulassen.
Einige wurden nervös und unruhig.
Am 31. August standen die 1wöchigen Aufenthalte und Praktika fest.
Am 4. September hielt ein unscheinbares Auto in Reinickendorf, in der Uranusstr., direkt neben dem Flughafen Tegel.
Etwas später begehrten ein Bodyguard und der Regierende Bürgermeister nebst vier Koffern Einlass bei Christine.
In diesem Moment donnerte in ungefähr dreißig Metern Höhe ein Flugzeug über das Haus.
Christine blieb gelassen.
Die Besucher zogen erschrocken die Köpfe ein, wurden aschfahl im Gesicht, ließen Christine stehen und suchten mit einem Hechtsprung Schutz hinter ihrem Fahrzeug.

© Tina Doerwald 2013

Tina Doerwald 2013

Cornelia stellte die Gläser auf die Anrichte, hob den Kopf und schlug die Augen nieder.
„Alex, bitte.“
„Nein!“
Hochrot im Gesicht schrie Alex sie an und wischte einige der ordentlich aufgereihten Schuhkartons vom Tisch.
„Du bist ja völlig verrückt geworden. Was haben die gekostet?
„1769,00 €“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
„Soll ich mir deine blöden Treter auf die Stulle schmieren? Ich versuche unsere Kochkurse am Laufen zu halten und Du kaufst Schuhe.“
Er schnappte hörbar nach Luft, nahm ein Paar hochhackige rote Pumps aus einem Karton und schmiss sie gegen die Wand, dass es nur so krachte.
„Alex, bitte.“
Alex nahm das nächste Paar, wunderschöne helle Wildledersandaletten. Auch die flogen mit voller Wucht gegen die Tapete.
Cornelia schüttelte ihren Kopf.
„Alex, bitte mach’ sie nicht kaputt.“
„Du wagst es mir zu sagen, was ich tun soll?“
Alex hob eine Schachtel mit dunkelgrünen Gummistiefeln vom Boden auf. Auch die feuerte er durch den Raum.
„Gummistiefel mit Bratkartoffeln oder…“, er kramte weiter, „schwarze Schaftstiefel mit Sauerkraut und Kartoffelpüree!“
Seine Zornesader auf der Stirn schwoll an.
„Blaue Clogs mit Salatgarnitur und Schnitzel, Brathühnchen mit Pommes und zartrosa Badelatschen. Oder wie wäre es mit gefüllten Hausschuhen und Vanillesoße?“
„Alex, bitte.“
„Geröstete Klapperlatschen mit Prinzessböhnchen und Kroketten.“
Auch die Klapperlatschen flogen im hohen Bogen durch das Zimmer.
Alex wühlte weiter und zog weiße Turnschuhe aus dem Stapel.
„Turnschuhe mit Apfelmus und Zimtzucker.“
Seine Stimme wurde leiser. Er atmete tief aus und beißender Spott begleitete die nächsten Worte.
„Ich sollte ein Restaurant aufmachen, nein, besser Du machst ein Restaurant auf. Die Hauptzutat hast du ja schon. Vielleicht rufst du bei Johann an und holst dir Tipps für die optimale Garzeit oder du fragst bei Alfons nach einer Gewürzmischung. Vergiss nicht frische Kräuter hinzuzufügen, der Tim aus der ersten Reihe kommt dann bestimmt auch mal vorbei.“
Wieder flogen Schuhe durch das Zimmer, diesmal hellgrüne Ballerinas.
„Die könntest du mit Waldbeerensoße an Vanillemousse servieren.“
Er schaute Cornelia grimmig an.
„Steffen und Frank kommen bestimmt auch gern vorbei und bewerten deine Köstlichkeiten.“
Alex angelte das nächste Paar. Es war noch eingepackt. Er öffnete den Deckel und stutzte.
„Wieso bestellst du Kinderschuhe?“
„Alex, bitte, lass mich doch erklären …!“
In diesem Moment betrat Lea, die Nachbarin mit einer Flasche Schampus in der Hand den Raum.
„Was ist denn hier los? Warum liegen meine Schuhe hier kreuz und quer in eurem Wohnzimmer?“
Cornelia prustete los. Sie lachte bis ihr die Tränen über das Gesicht liefen und sie sich auf den blauen Teppich setzen musste.
Alex hielt noch die Kinderschuhe in der Hand und zog eine Augenbraue hoch.
„Cornelia, hör auf so hysterisch zu lachen.“
„Alex, bitte gib mir die Schuhe.“
Lea versuchte die Situation zu verstehen und schaute ratlos von einem zum anderen.
„Alex, warum schmeißt du meine Schuhe durch euer Wohnzimmer, bist du von allen guten Geistern verlassen?“
Alex sah so bescheuert aus, dass Cornelia einen neuen Lachanfall bekam und mit den Füßen strampelte.
„Aber wieso deine Schuhe? Sie stehen hier, Conny hat gesagt was sie gekostet haben …“
„Das mag schon sein, wir wollten sie hier anschauen, weil bei mir kaum noch Platz ist  und die Bestellung feiern. Ich habe sie für meinen neuen Shop gekauft, um sie weiterzuverkaufen!“
Sie grinste von einem Ohr zum anderen.
„Alex, kann es sein, dass du dich eben zum Horst gemacht hast?“

© Tina Doerwald 2012